IHK Südlicher Oberrhein präsentiert neue Studie zu französischen Grenzpendlern

Französische Grenzpendler sind für den Wirtschaftsraum am südlichen Oberrhein enorm wichtig.

Gerade die Grenzschließungen im Frühjahr haben dies zuletzt sehr deutlich gemacht. Die IHK Südlicher Oberrhein hat nun die Verteilung und Entwicklung der Fachkräfte aus Frankreich in einer Studie neu untersucht und ausgewertet sowie vier zentrale Handlungsfelder identifiziert.

PM 51 foto franz.Grenzpendler IHKStudie(v.l.): Matthias Kirch, Direktor Human Resources beim Europa-Park in Rust; Simon Kaiser, Leiter des IHK-Geschäftsbereich Aus- und Weiterbildung; Pascale Mollet-Piffert, Leiterin des IHK-Geschäftsbereich International; Andreas Truttenbach, Vizepräsident der IHK Südlicher Oberrhein und Geschäftsführer von RMA Pipeline Equipment in Rheinau und Kehl; Rolf Kaufmann, Head of HR Germany bei der Zehnder Group in Lahr; Norbert Uphues, Referent für Verkehr, Konjunktur, Statistik bei der IHK Südlicher Oberrhein. Foto: Natalie Butz für die IHK Südlicher Oberrhein

Nachdem zum Beginn der 2000er Jahre die Zahl der französischen Grenzpendler am südlichen Oberrhein stetig abgenommen hatte, steigt sie seit 2013 wieder an. „Mit 12.094 Grenzpendlern im Jahr 2017 gibt es immerhin einen Gesamtzuwachs von 9,4 Prozent in vier Jahren“, berichtete Norbert Uphues, Referent für Verkehr, Konjunktur, Statistik bei der IHK Südlicher Oberrhein, im Rahmen eines Pressegesprächs am gestrigen Mittwoch in Offenburg. Als einen Grund nennt er die seit der Eurokrise etwas höhere Arbeitslosenquote auf französischer Seite, die in den Departments des Elsass im ersten Quartal 2020 zwischen 6,5 (Bas-Rhin) und 7,7 (Haut-Rhin) Prozent lag, während sie am südlichen Oberrhein seit Jahren unterhalb von vier Prozent liegt.

Räumlich macht der Experte einige Schwerpunkte bei den Zielgebieten der Grenzpendler aus. Über die grenznahen Gemeinden hinaus sei dies die Ortenau. Uphues: „Hier gibt es gleich 14 Gemeinden, die 100 oder mehr Grenzpendlern einen Arbeitsplatz bieten.“ Die Nähe zum Agglomerationsraum Straßburg und die gute Verkehrsanbindung spiele dabei eine große Rolle. Spitzenreiter im gesamten Kammerbezirk ist Kehl; 2.620 Arbeitnehmer kamen 2017 aus Frankreich, was einem Anteil von 12,5 Prozent entspricht. Prozentual gesehen sind mit 17,5 Prozent Anteil nur in Rust mehr Grenzpendler beschäftigt.

Die neue IHK-Studie untersucht außerdem die Veränderungen bei den Grenzpendlerströmen in den vergangenen Jahren. In absoluten Zahlen waren Rust (+307), Kehl (+127) und Rheinau (+102) die Gewinner; Willstätt (-473) und Freiburg (-230) die großen Verlierer – neben Gemeinden in direkter Grenzlage. „Dies darf als weiteres Indiz dafür gelten, dass neben der generellen wirtschaftlichen Entwicklung eine gute Verkehrsanbindung ins Nachbarland ein Schlüssel für die Anwerbung französischer Fachkräfte ist“, schlussfolgert Uphues.

Wie bei den deutschen Fachkräften ist der demografische Wandel bei den französischen Grenzpendlern ebenfalls sichtbar. So hat sich der Anteil der über 44-Jährigen bei den Pendlern allein im Zeitraum von 2010 bis 2015 von 45 auf 57 Prozent erhöht. Uphues: „Es ist daher zu befürchten, dass in den kommenden Jahren viele französische Fachkräfte von den Unternehmen am Oberrhein ersetzt werden müssen.“ Hoffnung bei der Entwicklung der Altersstruktur macht ihm, dass der Anteil der unter 25-Jährigen im Zeitraum von 2010 bis 2015 von drei auf fünf Prozent gestiegen ist. „Das Arbeiten beim Nachbarn wird also wieder attraktiver.“

Um diese Attraktivität weiter zu steigern, sieht die IHK Südlicher Oberrhein Handlungsbedarf in vier zentralen Bereichen. Diese stellte Andreas Truttenbach, Vizepräsident der IHK Südlicher Oberrhein vor. „Es gab bereits viele Erfolge im Zusammenwachsen der Trinationalen Metropolregion Oberrhein (TMO) – die Schweiz mit einbezogen. Aber im Frühjahr haben wir erlebt, wie fragil dieses Gebilde ist.“ Truttenbach ist Geschäftsführer von RMA Pipeline Equipment in Rheinau und Kehl, ein Viertel seiner Mitarbeiter kommt aus Frankreich. „Weitere Grenzschließungen müssen vermieden werden“, so sein Appell.

Dieser Forderung schlossen sich auch Matthias Kirch, Direktor Human Resources beim Europa-Park in Rust, und Rolf Kaufmann, Head of HR Germany bei der Zehnder Group in Lahr, an. In der Indoor-Wasserwelt Rulantica des Europa-Parks kommt die Hälfte der Mitarbeiter aus Frankreich. Kirch: „Für uns sind die französischen Fachkräfte existenziell.“ Ähnlich die Situation bei Zehnder. Hier sind von 600 Mitarbeitern 400 in der Produktion beschäftigt, davon wiederum kommen 100 aus Frankreich. Kaufmann: „Die Grenzschließung hatte für uns extreme Auswirkungen, wir konnten die Leute aus der Produktion ja nicht ins Homeoffice schicken.“ Missfallen haben bei Truttenbach, Kirch und Kaufmann jedoch nicht nur die monetären Auswirkungen der Grenzschließungen erregt.

Die Ausgrenzung der französischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch dieses Vorgehen hat sie besonders verärgert. Truttenbach: „Wir müssen weiter an einem vereinten Europa als einem Lebensraum arbeiten.“ Pascale Mollet-Piffert, Leiterin des IHK-Geschäftsbereich International, erzählte von der großen Unsicherheit, die auch jetzt aktuell wieder bei den Unternehmen herrsche. „Wir erhalten derzeit wieder viele Anrufe, weil die Betriebe in Sorge sind, dass die Grenzen noch einmal geschlossen werden könnten.“

Die drei weiteren Handlungsfelder, die die Studie offenlegt, liegen im Bereich Verkehr und Mobilität, Ausbildung sowie bei der Sprache. „Wie wichtig eine gute Verkehrsinfrastruktur ist, hat nicht zuletzt die dreimonatige Sperrung der Brücke zwischen Gambsheim und Rheinau 2018 gezeigt“, erinnerte Truttenbach. Für Grenzgänger hatte die Baustelle damals teils Umwege von 60 Kilometern zur Folge. Und auch wenn die Tram nun bis nach Kehl fahre, gebe es noch Potenzial, weiß der RMA-Geschäftsführer aus eigener Erfahrung: „Von der letzten Haltestelle bis zu unserem Werk in Kehl sind es noch drei Kilometer. Da kommt kein Grenzpendler mit der Tram.“

Des Weiteren gelte es, das gute Image der Dualen Ausbildung bei französischen Jugendlichen noch intensiver zu vermarkten. In den Jahren 2010 bis 2017 waren 327 Ausbildungsverhältnisse von französischen Bewerbern in deutschen Unternehmen entstanden. Simon Kaiser, Leiter des IHK-Geschäftsbereich Aus- und Weiterbildung: „Mit Kooperationen zwischen uns, unseren Unternehmen und französischen Schulen sowie Präsenz auf französischen Berufsmessen versuchen wir, das deutsche System und seine Karrieremöglichkeiten bekannter zu machen.“

„Von größter Bedeutung sind aber immer noch die Sprachkenntnisse“, schloss der IHK-Vizepräsident. „Eine gemeinsame Sprache zu sprechen ist die Voraussetzung dafür, zu einem gemeinsamen Wirtschafts- und Lebensraum zusammenzuwachsen.“

Text/Bild: IHK Südlicher Oberrhein