Interview mit Agneta Binninger, Geschäftsführerin der VZ Networks GmbH

I. VZ – Die Vision hinter der neuen Plattform - Seite 1
II. VZ – Das Produkt im Detail - Seite 2
III. VZ – Eine (persönliche) Geschichte - Seite 3
I. VZ – Die Vision hinter der neuen Plattform

Warum überhaupt ein neues Netzwerk? Haben wir aktuell nicht schon genug Auswahl an Social Media Plattformen?

Das werde ich meistens als Erstes gefragt... Dabei liegt die Antwort für mich eigentlich recht nah. Social Media ist in Verruf geraten und Datenausverkauf wird in deutschen Medien immer wieder als Thema aufgegriffen. Die aktuellen Anbieter sind unübersichtlich, kommerziell und Alles wird auf der Timeline breitgetreten. WhatsApp ist toll, bietet aber keinerlei Funktionen, wenn aus einer der Gruppen mal ein Event oder eine organisierte Community werden soll und Instagram ist vor allem auf eine gute visuelle Selbstdarstellung und perfekte Selfies ausgerichtet. Sowohl Facebook, Instagram und YouTube sind Profil und Timeline zentriert. VZ bietet hier eine Alternative auf dem deutschen Markt. Ein komplett auf Gruppenkommunikation ausgerichtetes Netzwerk gibt es in der Form auch nicht. Während der Quarantäne Zeit launchen wir zunächst die Beta Version mit dem Ziel, die Seite durch das Nutzerfeedback weiterentwickeln zu können und zum Beispiel zu entscheiden, welche Feature in die geplante App übernommen werden sollen.

VZ Agneta Binninger2Agneta Binninger, Geschäftsführerin der VZ Networks GmbH

In wenigen Sätzen zusammengefasst: Was ist deine Vision für ‘das neue’ VZ? Du hast gesagt, Social Media müsse wieder sozial werden. Was ist damit genau gemeint?

Die Leitidee Social Media wieder sozial zu machen, stand bei der Entwicklung des neuen VZ immer im Fokus. In erster Linie ist uns ein respektvoller Umgang mit den Nutzerdaten sehr wichtig. So interessiert uns zum Beispiel nicht, auf welchen Seiten die Nutzer außerhalb von VZ surfen und wir lesen auch keine privaten Nachrichten mit. Mit dem Ziel die Privatsphäre wieder besser zu schützen, hält sich die neue Plattform VZ an deutsche Datenschutzrichtlinien und arbeitet
ausschließlich mit deutschen Servern. Mittelfristig möchten wir aktiven Nutzern wieder etwas zurückgeben und diese am Umsatz beteiligen. Es sind ihre Daten und entsprechend sollten die User auch etwas von den Einnahmen haben, die damit erzielt werden. Grundlegend ist das Ziel, den Nutzern ihr soziales Online Leben wieder zurückzugeben, welches momentan komplett durch werbegetriebene Algorithmen fremdbestimmt wird.

Einer eurer Leitideen für VZ lautet: „Likest du noch oder gruschelst du schon?“. Was ist der Unterschied zu den altbekannten Likes?            

Die Gruschelfunktion ist eines der wenigen Best-Of Retro-Tools, welches wir auch auf der neuen VZ Seite implementieren wollten. Es weckt bei vielen ehemaligen Nutzern positive Assoziationen, denn so manches Mitglied hat damit schon das nächste Date angeleiert! Das Wort setzt sich aus Grüßen und Kuscheln zusammen und man hinterlässt damit so etwas wie einen lieben Gruß. Wir denken das Ganze noch einen Schritt weiter und mit einem Augenzwinkern den Gruschelbären zum Leben erweckt. Er ersetzt mit unterschiedlichen Emotionen ausgestattet die Like-Funktion der Beiträge. Es soll gegruschelt – und nicht Followerzahlen oder Likes hinterher geeifert –werden. Damit wollen wir ein Umfeld schaffen, in dem Nutzer posten können, was sie wirklich bewegt – und nicht nur, was auf der Timeline gut ankommt. Wir möchten, dass Social Media wieder sympathisch wird und wollen die Privatsphäre der Nutzer wieder besser schützen.
Generell können Beiträge auch nur direkt in den Gruppen und unter dem jeweiligen Post kommentiert werden. So landet nicht alles unübersichtlich und rein chronologisch auf der Timeline. Die Timeline wird bei VZ durch den Buschfunk ersetzt, der zwar eine Übersicht der Gruppenaktivitäten anzeigt, den Nutzer zum Kommentieren allerdings immer in die Gruppe selbst und genau zum zugehörigen Beitrag lenkt. Viele Nutzer freuen sich, die Fotos und Spielstände aus
studiVZ und meinVZ importieren zu können – verständlich!

Hast du auch ein paar witzige alte Bilder wiederentdeckt? Plauderst du ein bisschen aus deinem persönlichen „VZ-Nähkästchen"?

Das Feedback auf die Importfunktion ist generell sehr positiv. Die ehemaligen Studentenbilder wiederzuentdecken, ist für jeden ein nachvollziehbares Highlight. Insgesamt befinden sich noch mehrere hundert Millionen Bilder auf studiVZ und meinVZ. Bevor wir diese mit der Abschaltung der alten Plattformen löschen, haben Nutzer also die Möglichkeit, sich die Bilder nochmal im neuen Fotoalbum anzusehen und zu sichern – und sich vielleicht auch wieder mit anderen ehemaligen
Mitgliedern auszutauschen und gemeinsam über witzige Partybilder zu lachen. Für alle die noch in den Spielen aktiv sind, ist es natürlich wichtig, dass mit der Abschaltung keine Spielstände und bereits investiertes Geld verloren gehen. Jeder Nutzer mit einem Account hat die Möglichkeit, seinen alten Spielstatus ins neue VZ zu importieren. Ich denke, dass VZ mit diesen Assets einen tollen Mehrwert hat, der vor allem viele alte Nutzer dazu bringen wird, sich auch beim neuen VZ anzumelden.

VZ MockUp

II. VZ – Das Produkt im Detail

Das neue VZ wird als ‘modulares Gruppen-Netzwerk’ beschrieben. Kannst du uns noch mehr zu den konkreten Funktionen erzählen, auf die sich die Nutzer ab sofort freuen können? Ziel ist es mit der komplett auf Gruppen ausgerichteten Plattform dem Nutzer die tägliche Gruppenkommunikation zu vereinfachen - ohne unübersichtliche Timeline und mit integriertem Messenger. Nach dem Baukastenprinzip kann der Nutzer zuerst den passenden Gruppentyp (Forum, Channel oder Plaudergruppe) auswählen und anschließend für ihn nützliche Funktionen hinzufügen, wie u.a. Doodle für die Terminabstimmung oder die Event-Funktion. So lässt sich z.B. im Forum der Verein nun online organisieren oder Alles rund um die Familie mit den angelegten Unterthemen „Lernen ohne Schule“ oder „HILFE – Wie beschäftige ich meine Kinder länger als 10 Min. zu Hause?“ mit anderen Eltern diskutieren. Der nächste Junggesellenabschied, für die Zeit nach Corona, kann am besten im Gruppenchat (Plauderkasten) geplant werden, aber die Orga fällt Dank Doodle zur Terminabstimmung und der Event-Funktion nicht mehr ganz so chaotisch aus. Themen mit Blog-Charakter können gut im Channel mit umfangreichen Formatierfunktionen in der Community ausgetauscht werden. Hier finden u.a. „1001 Nudelrezepte für meinen Hamstervorrat“, „Was ich sonst noch so aus Klopapier basteln kann“ oder die besten „Home Workouts“ ihren Platz. Bei jedem Gruppentyp steht die Gruppenkommunikation im Vordergrund und Aktivität findet nicht auf der Timeline statt, sondern wird vom Buschfunk aus in die Gruppen ge-
lenkt; also genau dort, wo das Thema auch besprochen werden sollte. Uns war außerdem wichtig, dass die Feature übersichtlich und für Nutzer jeden Alters geeignet sind.

Warum bekommen die Social Games einen eigenen Bereich beim neuen VZ? Ist das auch ein wichtiger Markt für euch?

Wie schon bei studiVZ und meinVZ sind die Social Games wieder ein wichtiges Gruppenthema und für den VZ Spielepark haben wir eine bunte Mischung aus neuen Games und beliebten VZ-Klassikern zusammengestellt: Von Farming über Motorcross bis Puzzle ist also für jeden Geschmack das Richtige dabei. Das Besondere bei VZ ist, dass jedes einzelne Spiel eine eigene Gruppe bekommt, in der sich alle Funktionen übersichtlich an einem Platz befinden. So können sich die Nutzer im interaktiven Gruppenchat mit anderen Playern über aktuelle Spielstände und gemeinsame Interessen unterhalten und sind in Echtzeit miteinander verbunden. In dem integrierten Video-Forum können alle Spielenden außerdem Tutorials im Video-Format mit wichtigen Infos für das nächste Battle finden. Dabei haben wir auf eine besonders einfache Handhabung geachtet: Egal ob am PC oder mobil, der VZ Spielepark ist ohne unnötige Umwege über separate Seiten zu
erreichen. Wichtig für alle aktiven Nutzer von studiVZ und meinVZ ist die Möglichkeit, ihre aktuellen Spielstände mit nur einem Klick auf das neue VZ zu importieren. Da einige der Spieleanbieter noch etwas mehr Zeit für die Integration brauchen, schalten wir die Spieleseite aber erst einen Monat nach dem Launch frei. Den Spieleimport kann man trotzdem schon starten. Nach dem Datenimport gleichen sich die Spielstände automatisch auf beiden Seiten an – und egal wo man spielt: Nichts geht verloren.

Welche weiteren Bereiche gibt es?

Da sich viele Nutzer vor allem an unsere lustigen Gruppen erinnern, haben wir die beliebtesten davon wieder in der Kategorie Spaß & Unsinn aufgesetzt. Bei den witzigen Gruppen sind meine persönlichen Highlights „Scheiß Party, wenn ich meine Hose finde geh ich nach Hause!“ (die perfekte Gruppe für meinen feierlustigen Freund) und „Ich kaufe ein „A“ und löse Bockwurst.“ dabei – das sage ich öfter mal zu Hause, wenn mich mein Freund etwas fragt und ich die Antwort
nicht weiß!

III. VZ – Eine (persönliche) Geschichte

Du sagtest mal, du seist sprichwörtlich zu VZ gekommen, wie die Jungfrau zum Kinde. Erzähl uns doch kurz deine ganz persönliche ‘VZ Geschichte’.
Ich bin durch Zufall zu VZ gekommen und wurde über ein gemeinsames Netzwerk vom damaligen Projektmanager, Joseph Neijman aus den USA (Harvard, Google), angefragt, bei VZ als Freelancerin zu unterstützen, da er nur eine Woche im Monat vor Ort war und wenig Zugang zum deutschen Markt hatte. Ich war zu dem Zeitpunkt noch dabei, meine Master Arbeit zu schreiben und habe zunächst abgelehnt. Irgendwann einigten wir uns, dass ich ihn in seiner Abwesenheit mit
wöchentlichen Team- und Strategie-Meetings vertrete, damit die Mitarbeiter am Ball bleiben. Dass es zu dem Zeitpunkt überhaupt keine definierte Richtung gab, wurde mir schnell beim ersten „Briefing“ klar: als ich Joseph nach seiner Strategie fragte, wurde er (im Restaurant) recht laut und schnauzte mich an, dass ich wohl doch nicht die Richtige für den Job wäre, wenn ich jetzt schon nach dem Plan fragen würde. Ich war recht verdutzt, aber antwortete: „Aha, also Freestyle, ja?“
Was er dann dankend bejahte...Ich wurde neugierig und ließ mich darauf ein - und war extrem überrascht, wie viele brachliegende Ressourcen und Nutzer es trotz des desolaten Zustandes der Seite noch gab. Ich habe dann kurzfristig einige „Überlebens-Maßnahmen“ getroffen, wie Werbeplätze zu vermarkten, die wichtigsten Funktionen zu reparieren und einen Barterdeal mit unserem Vermieter für die Bewerbung eines Social Games zu machen, um die nächsten drei Monate
kostenfrei in dem übergroßen Büro zu sichern. Nach einigen Wochen übergab Joseph das Projekt komplett an mich, um sich auf seine Projekte in den USA zu konzentrieren. Ich war nun auf mich allein gestellt; fühlte mich auch den verbleibenden Mitarbeitern gegenüber verantwortlich und habe die Herausforderung einfach angenommen. Ich hatte zu Beginn überhaupt nicht den Anspruch, VZ wieder zum Leben zu erwecken oder ein neues soziales Netzwerk zu gründen, aber ich
hatte auf jeden Fall den Ehrgeiz das Potential der Seite besser auszuschöpfen.

Zuvor war ich für wiederkehrende Projekte selbstständig in Berlin tätig, um mir mein internationales Studium und Praktika zu finanzieren (u.a. beim Auswärtigen Amt in New York, Pretoria, Barcelona und Sydney) und hatte mich in Berlin noch nie wirklich auf eine Stelle beworben. So bin ich wirklich zu VZ wie die Jungfrau zum Kind gekommen – und bis heute,mittlerweile als Geschäftsführerin, dabei!

Bevor du im Dezember 2018 Geschäftsführerin geworden bist, warst du schon vier Jahre für studiVZ und meinVZ als General Managerin tätig. Es gab in dieser Zeit auch einige Probleme. Erzähl uns etwas darüber und warum du trotzdem so lange dabeigeblieben bist.

Mit VZ habe ich sämtliche Stationen einer Firma durchlaufen: von der kompletten Restrukturierung – operativ war VZ danach das erste Mal in den schwarzen Zahlen –, über Produktentwicklung, Verkauf, Insolvenz und Neugründung war wirklich alles dabei! Zu Beginn meiner Arbeit war die Firma mit Vert Capital in den Händen planloser und auch desinteressierter Amerikaner, die nur Geld aus den laufenden Einnahmen ziehen wollten. Ich habe dann einige Maßnahmen vor-
schlagen und zum Teil auch einfach ergriffen, die die unfassbar ineffiziente Kostenstruktur und ein sinnvolleres Marketing der brach liegenden Ressourcen betrafen. So wurden die Seiten z.B. auf 300 Hardware Servern bei einer Auslastung von 5% für eine monatliche deutlich 6-stellige Summe betrieben. Nach recht intensiven Verhandlungen konnten wir uns aber auf eine Migration in eine Cloudvariante für eine 4-stellige monatliche Zahlung mit unserem Host einigen. Ein weiteres
Beispiel: Als ich bei VZ anfing, gab es noch fast eine Million aktive Nutzer, aber nicht eine einzige offizielle Marketing- oder Sales-Präsentation dazu. Das zog sich durch sämtliche Bereiche. Der Zustand der Firma war desolat, obwohl es noch viele aktive Nutzer und Ressourcen gab. Ich habe dann mit dem kleinen Team vor Ort die Vermarktung komplett neu aufgesetzt, neue Werbeplätze und Formate eingebunden und diese in meinem Netzwerk vertrieben. Ziel war also die Ressour-
cen sinnvoll zu optimieren – dazu gehörte auch, wichtigste Funktionen wie z.B. den Buschfunk, technisch erst wieder zu fixen. Offizielle Werbung wollten wir mit den damals schon fast zehn Jahre alten und auch technisch teils unfunktionalen Seiten nicht mehr machen. Es war klar, dass für eine Neukundenakquise erst ein neues Produkt erstellt werden musste.

Nach rund einem Jahr hatte ich mir das Vertrauen der Amerikaner und auch deren Motivation erarbeitet, denn die Firma war inklusive sämtlicher nachgeholter Jahresabschlüsse, neu verhandelter Verträge etc. restrukturiert. Nun hatten wir mit dem Team etwas Luft, um ein Konzept für eine neue Seite zu entwickeln. Wir haben dabei das Rad nicht neu erfunden, aber uns auf unsere Hauptaktivitätstreiber – die Gruppen – fokussiert und diese optimiert. Ich habe dazu auch viel Input
von ehemaligen CMOs erhalten, die ihre bisher unbeachteten Ideen gerne mit mir teilen wollten. So konnte ich viel über unsere Nutzer, was ihnen an der Seite am besten gefällt und Spezifika auf dem deutschen Markt insgesamt lernen. Die Kunden zu verstehen ist das entscheidende Puzzleteil bei einer Produktentwicklung.

Wir waren zu diesem Zeitpunkt zwar operativ im Plus, aber für den Bau einer neuen Plattform reichten die finanziellen Ressourcen nicht aus. Von Vert Capital hatte ich mittlerweile freie Hand für Entscheidungen, aber keinen Cent zusätzliche Fremd-Finanzierung erhalten. Die Nutzerzahlen waren ohne Produktinnovation und Marketing natürlich rückläufig.

2017 fiel der Firma (damals noch poolworks Ltd.) eine letzte ungeklärte Restschuld gegenüber dem ehemaligen Investor Holtzbrinck auf die Füße. Bei den eingeforderten 3,5 Mio. € handelte es sich um sechs Monate unbezahlte Rechnungen unseres Hosts aus Zeiten vor dem Verkauf von Holtzbrink an Vert, die nach dem Verkauf von dem Host wieder an Holtzbrink abgetreten wurden und dann von Holtzbrink eingeklagt wurde. Die Situation war also recht verworren und die
Amerikaner ohne die notwendigen Dokumente zur Verteidigung nicht gut aufgestellt. Ich hatte schon vorher angeboten, das Gespräch zu suchen, um eine gute Lösung für alle involvierten Parteien zu finden, aber Vert meinte, das selbst regeln zu können und so verlor die Firma den Prozess. Im Ergebnis wurde poolworks dann zügig an Momentous Entertainment Group verkauft, die sich – auch mit meiner Hilfe – zutrauten, die Angelegenheit zu regeln.

Momentous Entertainment war außerdem dem Konzept der neuen Seite sehr zugetan und wollte dies schnellstmöglich realisieren. Es schien also, als würde sich endlich etwas in die richtige Richtung entwickeln. Wie erwartet, konnten wir uns mit Holtzbrink auf eine faire Summe zur Abzahlung einigen und der neue Investor trat motiviert auf die neuen Projekte voranzutreiben. Wir trafen uns in Berlin mit allen wichtigen Partnern, die wir dann beauftragten die neue Seite zu bauen, die rechtlichen Themen zu klären, Content zu erstellen usw. Nach rund drei Monaten unbezahlter Rechnungen aller Partner (die zum größten Teil aus meinem privaten Netzwerk akquiriert waren), stellte sich heraus, dass die neuen Gesellschafter überhaupt kein Geld hatten, um das Relaunch-Projekt zu finanzieren – Momentous hatte sich mit Geschäften in den USA wohl verkalkuliert, das aber nicht an uns kommuniziert, sondern uns einfach weiter arbeiten lassen. Das war ein
ziemlicher Schlag ins Gesicht, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte – bei den vorherigen Gesellschaftern wusste ich zumindest, woran ich war. Ich war zu diesem Zeitpunkt im 6. Monat schwanger und habe dann so lange gedrängt, bis die Firma Insolvenz beantragt hat. Aufgrund der Altlast war ich bis dato ohne Prokura als General Managerin eingetragen, aber nicht als Geschäftsführerin.

Mit unserem Insolvenzverwalter Herrn Stark hatten wir in der Übergangsphase einen extrem lösungsorientierten und hilfreichen Partner, um den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten und mit dem Ziel, einen neuen Käufer zu finden. Es gab dazu eine dreimonatige Due Dilligence Phase mit mehreren Interessenten, die sehr unterschiedliche Visionen für das Projekt hatten. Am Ende haben wir uns dann im Dezember – also kurz vor der Geburt meines Sohnes – entschieden, VZ
selbst fortzuführen: ohne Abhängigkeiten und Unsicherheiten durch einen Drittpartner.

Was waren deine größten Learnings aus den letzten Jahren Arbeit bei und mit VZ?

Der komplette Restrukturierungsprozess war für mich in all seinen Teilen immer wieder aufregend und lehrreich – wenn ich gewusst hätte, wieviel Arbeit auf mich zukommt, hätte ich es vielleicht nicht gemacht... aber im Nachhinein bin ich sehr dankbar über die enorm hohe Lernkurve. Ich mag Herausforderungen und indem ich durch sämtliche Bereiche der Firma zur Restrukturierung gegangen bin, habe ich mir natürlich viel Wissen in kurzer Zeit aneignen können – bzw. müssen! Von der technischen Migration von physischen Servern auf eine Cloudvariante, Vertragsverhandlungen, Mitarbeiterakquise in sämtlichen Bereichen, über Marketing bis Buchhaltung musste ich mich als junge CEO in viele Themen z.T. auch neu reindenken – vor allem wenn man nur wenige Mitarbeiter hat, die Entscheidungen erwarten.

Auch retroperspektivisch konnte ich viele Learnings aus VZ ziehen. Ich denke, es gab in der Entwicklung der alten VZ Netzwerke einige strategische Fehlentscheidungen, wie z.B. die vertikale Aufspaltung in drei fast identische Netzwerke: schülerVZ, studiVZ und meinVZ. Das war allein administrativ und finanziell nicht besonders wirtschaftlich. Auch das Profilund Timelineoriente Set-Up war meiner Meinung nach nicht das Richtige für ein Netzwerk, bei dem die Gruppen die Haupt-Aktivitätstreiber waren. Bei der Entwicklung der neuen Seite haben wir unsere ehemaligen Stärken ausgebaut und
die Gruppenfunktionen optimiert und es wird nur noch eine übersichtliche Seite – VZ – geben!

VZ ist nicht dein einziges „Baby“? Wie schaffst du es, als junge Mutter Kleinkind und Karriere unter einen Hut zu bekommen?

Es hat sich nun Mal so ergeben, dass wir die Entscheidung, die Firma selbst zu übernehmen, in meinem 9. Monat getroffen haben. Ich habe dann kurz vor der Geburt noch die neue Firma VZ Networks gegründet und mir war klar, dass ich mich im kommenden Jahr auf zwei Babys fokussieren werde. Neben der Herausforderung hat es mir aber auch sehr gut getan und mich geerdet! Seitdem der Kleine auf der Welt ist, schaffe ich es besser, klare Prioritäten zu setzen und effizienter zu arbeiten. Das Großstadtleben in Berlin hat schon manch einen Unternehmer vom Wesentlichen abgelenkt und bietet immer viele Möglichkeiten sich zu zerstreuen. Am Ball zu bleiben erfordert da echte Disziplin. Wenn ich weiß, dass ich sechs Stunden zur Verfügung habe, in denen mein Sohn bei der Babysitterin ist, schaffe ich heute oft mehr, als früher an einem 8-Stunden-Tag. Was ich nicht in der Zeit schaffe, muss ich dann eben abends oder am Wochenende erledigen, deswegen konzentriere ich mich lieber! Diesen Ehrgeiz sehe ich auch bei vielen anderen Mütter. Es gibt Studien darüber,
dass Mütter in Teilzeit oft genauso viel schaffen, wie andere Mitarbeiter in Vollzeit.

Die Zeit mit meinem Sohn ist dann so eine Art medialer Detox und ich versuche mich ganz auf ihn einzulassen. Ich habe schnell gemerkt, dass es auch überhaupt nichts bringt halbherzig E-mails zu schreiben, während ein quengeliges Kind am Bein zupft, weil es nicht genug beachtet wird. Wenn ich meinem Sohn volle Aufmerksamkeit schenke, bekomme ich mit den leuchtenden Kinderaugen dafür unheimlich viel zurück. Die so oft propagierten Stichwörter "Quality Time" bzw im
"Hier und Jetzt" anzukommen, funktionieren also wirklich. Ich musste erst Mutter werden, um das zu verstehen.

Natürlich kommt die Familie immer an erster Stelle, aber da ich mit Spaß dabei bin und das ganze Projekt super spannend finde, fällt es mir leichter, den Rechner noch mal rauszuholen, nachdem alle anderen schon im Bett liegen. Ich bin mir aber auch bewusst, dass es ohne die tolle Unterstützung meiner Familie und einem flexiblen Team schwieriger wäre, alles so gut unter einen Hut zu bekommen. Viele der langjährigen Partner wollten meinen Sohn sogar kennenlernen
und bevor er laufen konnte, habe ich ihn auch oft zu Meetings mitgenommen – was meistens gut geklappt hat. Das eine oder andere Bäuerchen gab’s bei Telefonaten auch mal als Hintergrundgeräusch, aber so viel Humor müssen die Mitarbeiter schon mitbringen.

Über VZ Netzwerke

StudiVZ und meinVZ sind 2005 in Berlin gegründete Soziale Netzwerke und hatten zu Hochzeiten ca. 20 Millionen aktive Nutzer. Mit der gleichen Profil- und Timeline-orientierten Ausrichtung wie Facebook verlor die Firma zunehmend Marktanteile an den internationalen Konkurrenten. Nach dem Verkauf von Holtzbrink 2012 gab es mehrere Besitzerwechsel in die Hände amerikanischer Firmen. Aufgrund einer ungelösten Altlast meldete die Firma 2017 Insolvenz an und wurde zur Restrukturierung weiter betrieben. Anfang 2018 hatte der Unternehmer und ehemalige Lieferando Gründer Jörg Gerbig die Netzwerke studiVZ und meinVZ aus der Insolvenz gekauft. Gut zwei Jahre später werden die alten Seiten – inklusive neun Millionen ehemaliger Accounts und mehrerer hundert Millionen Studentenbildern – vom heute gelaunchten Gruppennetzwerk VZ abgelöst und voraussichtlich nach vorheriger Ankündigung ca. 3 Monate nach Launch von VZ Networks abgeschaltet.

Text/ Bilder: VZ Networks GmbH